Kinderarbeit

Kinderarbeits-Report 2015


Kinderarbeit in der Thai Shrimp-Industrie

Sklaverei auf Fischerbooten, Zerstörung von Ökosystemen, Überfischung, Schuldknechtschaft und Kinderarbeit in Garnelen verarbeitenden Betrieben — die Skandale um die thailändische Fischerei- und Shrimp-Industrie erschüttern seit vielen Monaten die internationale Öffentlichkeit. Denn die Garnelen, die mittels extremer Ausbeutung von Mensch und Natur gezüchtet und verarbeitet werden, landen auf Tellern rund um den Globus. Die einstige Delikatesse ist heute überall billig zu haben. Aber wie hoch ist der Preis wirklich? Und wer muss ihn bezahlen?

terre des hommes hat anlässlich des Welttags gegen ausbeuterische Kinderarbeit am 12. Juni einen Report veröffentlicht, der den Blick auf die Mädchen und Jungen lenkt, die täglich über zehn Stunden lang Garnelen für den Weltmarkt schälen. Friedel Hütz-Adams, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Ökonomie und Ökumene in Bonn, hat Studien, Statistiken, Veröffentlichungen in internationalen Medien und eine aktuelle von terre des hommes in Auftrag gegebene Fallstudie aus dem Zentrum der thailändischen Garnelenindustrie, Samut Sakhon, studiert und die Ergebnisse zusammengetragen. Die Studie schließt mit Empfehlungen an die thailändische Regierung, an global agierende Unternehmen und an europäische Regierungen: Was muss getan werden, um die Situation der Migrantenkinder in der thailändischen Garnelenindustrie zu verbessern?

Auf einen Blick

1. Nach Schätzungen leben derzeit zwischen zwei und fünf Millionen Migranten inThailand, darunter viele Kinder. Sie kommen insbesondere aus den ärmeren
Nachbarstaaten Myanmar, Kambodscha und Laos. Als Folge der bürokratischen Einwanderungsbestimmungen haben viele von ihnen keinen legalen Aufenthaltsstatus.

2. Schätzungsweise sind rund 90 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter in der thailändischen Fisch- und Meeresfrüchteindustrie Migranten, größtenteils aus Myanmar. Etwa 300.000 bis 500.000 Migranten sind allein in der Provinz Samut Sakhon beschäftigt, dem Zentrum der Garnelen verarbeitenden Industrie.

3. In der Lieferkette der thailändischen Garnelenindustrie sind immer wieder Formen von Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft aufgedeckt worden. Insbesondere in den vielen kleinen Verarbeitungsbetrieben, die oft als Subunternehmer großer Unternehmen fungieren, sind die Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Katastrophal sind sie auch auf vielen Schiffen, die unter anderem den Rohstoff für das Fischmehl im Futter der Zuchtgarnelen liefern.

4. Nach Schätzungen waren im Jahr 2012 etwa 6.000 bis 8.000 Kinder unter 15 Jahren und 20.000 bis 30.000 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren in der Garnelen verarbeitenden Industrie in Thailand beschäftigt. Eine aktuell im Auftrag von terre des hommes durchgeführte Befragung von Kindern in der Region Samut Sakhon belegt, dass viele auch heute unter Bedingungen arbeiten müssen, die weder einen Schulbesuch ermöglichen, noch eine Perspektive für ein besseres Leben bieten.

5. Kinder arbeiten oft über zehn Stunden täglich an sechs Tagen in der Woche. Die Arbeitszeit — und die Entlohnung — richten sich nach der Auftragslage des Betriebs. Die meisten Kinder sind Migranten und beginnen mit 14 oder 15 Jahren zu arbeiten, manche aber auch bereits mit sieben. Nur wenige haben einen Arbeitsvertrag.

6. Aufgrund des Kinderarbeitsverbots finden Minderjährige in der Regel keinen Job in den regulierten großen Unternehmen. Die meisten Kinder arbeiten deshalb in kleinen und nicht registrierten Garnelen verarbeitenden Betrieben, welche allerdings häufig Subunternehmer großer Betriebe sind. Hier sind die Arbeitsbedingungen meist schlechter als in den Großbetrieben.

7. Viele Minderjährige geben ein höheres Alter an, um auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben.

8. 80 Prozent der arbeitenden Kinder wollen mit ihrem Lohn das Einkommen der Familie aufbessern. Ihre gesamten Einkünfte werden durch die Eltern verwaltet, häufig werden damit Geschwister oder andere Angehörige in Myanmar unterstützt. Viele Familien wollen Geld sparen, um sich in der Heimat eine Existenz aufzubauen.

9. Die Kinder haben gelernt, dass sie so früh wie möglich nützlich sein sollen für ihre Familie — auch finanziell. Fast alle Eltern finden den frühen Arbeitseintritt ihrer Kinder angemessen.

10. Aufgrund der unklaren Rechtslage nehmen viele Migranten die teure Unterstützung durch »Broker« in Anspruch. Diese »helfen« für 7.000 bis 10.000 Baht (185 bis 260 Euro) über die Grenze, besorgen Arbeitsplätze, Ausweise, Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigungen. Die Zahlungen an diese Agenten führen in vielen Fällen zu einer Verschuldung der Beschäftigten und damit zu Formen von Zwangsarbeit, um diese Schulden abzuzahlen. Manchmal verschwinden die Broker auch ohne Gegenleistung mit dem bereits gezahlten Geld.

11. Der Weltmarkt für Garnelen ist intransparent, da in Statistiken oft unterschiedliche Kategorien (zum Beispiel verschiedene Verarbeitungsstufen oder verschiedene Sorten) erfasst sind und weil nicht sicher ist, dass Garnelen, die aus einem bestimmten Land importiert werden, auch in diesem Land hergestellt wurden. Fest steht jedoch, dass die Europäische Union mit Einfuhren von jährlich mehr als 650.000 Tonnen der wichtigste Importmarkt für Garnelen ist und damit großen Einfluss auf den internationalen Handel hat. Auch wenn die Einfuhren aus Thailand stark rückläufig sind, ist die EU mit einem Anteil von rund 13 Prozent immer noch einer der wichtigsten Abnehmer.


Empfehlungen

Empfehlungen an die thailändische Regierung:
Thailand hat die Kinderrechtskonvention (KRK) der Vereinten Nationen ratifiziert und ist somit verpflichtet, die dort festgelegten Kinderrechte zu schützen — und zwar für alle
Kinder, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus oder dem Aufenthaltsstatus ihrer Eltern. - Wir fordern die thailändische Regierung auf, in Übereinstimmung mit der KRK alle
Kinder bis zum 18. Lebensjahr vor Ausbeutung und schädlicher Kinderarbeit zu schützen. Sie sollte insbesondere das Recht auf Bildung auch für Migrantenkinder gewährleisten, die Ursachen der Kinderarbeit bekämpfen sowie gemeinsam mit den Mädchen und Jungen, ihren Familien und Experten Bildungsinhalte auf die Bedürfnisse von Migrantenkindern abstimmen.

- Um die Ausbeutung von Migranten durch sogenannte »Broker« zu verhindern, sollten transparente Strukturen geschaffen werden, die jungen Arbeitsmigranten menschenwürdige Arbeitsplätze vermitteln. Arbeitende Migranten sollten einfach, schnell und kostenlos einen legalen Aufenthaltsstatus erhalten.

-Monitoring- und Berichtssysteme, die Kinderrechtsverletzungen in den Betrieben und insbesondere im informellen Sektor erkennen und verhindern, sollten geschaffen werden. Sie sollten transparent sein und durch unabhängige Organisationen gesteuert werden. Ein nationaler Aktionsplan für die Verbesserung sozialer und ökologischer Standards in der Garnelenindustrie sollte zusammen mit Migrantenorganisationen, NGOs, Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgearbeitet werden und insbesondere Kinderrechtsverletzungen bekämpfen. Das Kindeswohl sollte bei der Umsetzung von Gesetzen vorrangig berücksichtigt werden.

Empfehlungen an global agierende Unternehmen aus Europa:

Mit Waren zu handeln, ohne auf angemessene soziale und ökologische Standards bei ihrer Herstellung zu achten, verletzt internationale Normen, wie zum Beispiel die UNLeitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGP), die vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen 2011 beschlossen wurden. Ein zentraler Aspekt der UNGP ist die
internationale Dimension menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht von Unternehmen.  Unternehmen werden aufgefordert, in all ihren Geschäftsbeziehungen und entlang ihrer gesamten Lieferkette, einschließlich Subunternehmer und Lieferanten, für die Einhaltung von Menschenrechten Sorge zu tragen. Um dies gewährleisten zu können, muss ihre Lieferkette transparent sein und auf langfristigen Beziehungen mit den Produzenten aufbauen.

- Global agierende Unternehmen sollten Produzenten dabei unterstützen, ihre Sozialstandards zu verbessern.


Empfehlungen an die Regierungen in Europa:

Staaten sind durch internationale Konventionen verpflichtet, Menschenrechte nicht nur in ihrem eigenen Land zu schützen, sondern auch im Ausland (extraterritorial obligations).
Sie sind somit aufgefordert, menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen gesetzlich zu verankern. 

- Europäische Regierungen sollten sicherstellen, dass europäische Unternehmen und ihre Niederlassungen auch im Ausland Menschenrechte respektieren und entlang ihrer gesamten Lieferkette, einschließlich Subunternehmen und Lieferanten, menschenrechtliche Sorgfalt einfordern. Unternehmensverantwortung sollte in Gesetzen und Richtlinien entsprechend konkretisiert werden.
 -Unternehmen sollten in dem Land, in dem sie ihren Hauptsitz haben, für Menschenrechtsverletzungen gesetzlich haftbar gemacht werden können, auch wenn sie durch ihre Tochtergesellschaften begangen wurden oder in ihrer Lieferkette stattfanden. Der Zugang zu Rechtsmitteln und die Entschädigung der Opfer sollten gewährleistet sein Empfehlungen an die Europäische Union: Europa ist ein wichtiger Handelspartner für Thailand und die Europäische Union hat die Möglichkeit, Kinderrechte und Menschenrechte in Gesprächen über Handelsabkommen einzufordern.

-Wir fordern den EU-Kommissar für Umwelt, Meerespolitik und Fischerei auf, die Rechte der Migrantenkinder in den Gesprächen mit der thailändischen Regierung, die er im April 2015 begonnen hat, einzufordern. Er sollte nicht nur auf Maßnahmen gegen illegale Fischerei bestehen, sondern auch auf die Einhaltung der Kinderrechte, wie sie der thailändischen Regierung oben empfohlen wird.
-Wir fordern das Europäische Parlament und insbesondere das Komitee für Fischerei auf, dafür zu sorgen, dass Kinderrechtsverletzungen und Zwangsarbeit in der thailändischen Fischerei-und Meeresfrüchteindustrie, wie sie in der vorliegenden Studie dargelegt wurden, in allen Gesprächen über Handelsabkommen zwischen der EU und Thailand thematisiert werden. Klare und substantielle Fortschritte beim Schutz von Kinder- und Menschenrechten im Fischerei- und Meeresfrüchtesektor müssen Bedingung sein für Handelsabkommen zwischen der EU und Thailand.


Empfehlungen an Siegelinitiativen:

Siegelinitiativen setzen wichtige Produktionsstandards, sie sind jedoch im Bereich der Garnelen zurzeit eher auf ökologische als auf soziale Aspekte ausgerichtet. -Wir rufen Garnelen zertifizierende Siegelinitiativen dazu auf, angemessene soziale Standards für die Herstellung dieses Produkts zu entwickeln, in ihre Zertifizierungskriterien aufzunehmen und die Einhaltung zu überwachen.


Empfehlungen an Konsumenten in Europa:

Konsumenten von Garnelen und von Produkten, die auf Garnelen basieren, sind heutzutage an niedrige Preise gewöhnt. Oft wissen sie nichts über die ausbeuterischen
Arbeitsbedingungen und die mangelhaften Umweltstandards.
-Verbraucher sollten deutlich machen, dass sie Garnelen, deren Herstellung die Umwelt belastet und Menschenrechte verletzt, ablehnen — selbst wenn sie dann höhere Preise zahlen müssten. Sie sollten Händler und Restaurantbesitzer, zum Beispiel auf ihren Webseiten oder sozialen Medien, nach der Herkunft und den Herstellungsbedingungen der angebotenen Garnelen fragen.
-Verbraucher sollten von ihrer Regierung die Einführung verbindlicher Regelungen, die Unternehmen dazu verpflichten, Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen entlang ihrer Lieferkette zu übernehmen, verlangen.