Sprache

Die Thai-Sprache bildet im wesentlichen (aber nicht ausschließlich) einsilbige Wörter. Das ist ein Charakteristikum auch der chinesischen Sprachen und, mehr oder weniger, aller südostasiatischen Sprachen ausser den malaiischen.

Dabei stellt jedes Wort eine unveränderbare Einheit dar - es gibt weder Konjugationen noch Deklinationen. Des weiteren gibt es keine Regeln, die ein Wort einer bestimmten Wortkategorie zugehörig machen würde. Jedes Wort kann gleichermaßen als Hauptwort (Substantiv), als Zeitwort (Verb), als Eigenschaftswort (Adjektiv) oder als Umstandswort (Adverb) auftreten. Als was es im Einzelfall fungiert, ergibt sich aus der Stellung im und dem Zusammenhang eines Satzes. Zwar gibt es Wörter wie gahn = Tätigkeit oder kwahm = Zustand, die in Wortzusammensetzungen dazu führen, dass die jeweilige Kombination praktisch immer als Hauptwort verwendet wird. Aber keineswegs muss ein Wort wie gahn = Tätigkeit stets und immer verwendet werden, um ein Substantiv zu bilden. Thai ist eine Sprache, die auf einsilbigen Wörtern basiert. Die Silben-Laute gehen weder ineinander über, noch werden Laute nebeneinander stehender Wörter einander angeglichen. Zwar gibt es im heutigen Thai auch eine beachtliche Zahl mehrsilbiger Wörter, die nicht in einzelne Silben zerlegt werden können, welche für sich genommen eine Bedeutung haben (viele dieser Wörter sind Lehnswörter oder Angleichungen an Nachbarsprachen). Die grosse Mehrzahl der Thai-Wörter ist aber auch heute noch einsilbig. Aus einsilbigen Wörtern werden allerdings seit jeher Wortzusammensetzungen geformt. Um den Unterschied zwischen mehrsilbigen Wörtern und Wortzusammensetzungen aus einsilbigen Wörtern kurz an Hand deutscher Beispiele zu erläutern: Bau ist ein einsilbiges Wort und Herr ist ein einsilbiges Wort; Bauherr ist eine Wortzusammensetzung aus zwei einsilbigen Wörtern, wobei jede Silbe für sich genommen ein Wort mit Bedeutung ist. Feuer dagegen ist ein zweisilbiges Wort, bei dem nicht jede Silbe für sich eine eigene Wortbedeutung hat; auch wenn es er als einsilbiges Wort gibt, hat es mit der Endung er in Feuer nicht das geringste zu tun. Es versteht sich von selbst, dass in einer Sprache, die auf einsilbigen Wörtern basiert, die Zahl der Laute, denen eine eigene Bedeutung zugeordnet werden kann, beschränkt ist. Deshalb ergeben sich in einer einsilbig strukturierten Sprache zahlreiche Wörter des selben Lauts, die aber verschiedene Bedeutungen haben (Homonyme). Um Verwechslungen vorzubeugen, verwendet die Thai-Sprache, wie auch das Chinesisch, verschiedene Ton-Höhen, wodurch Homonyme (gleichlautende Wörter mit verschiedenen Bedeutungen) voneinander unterschieden werden.

In der offiziellen Thai-Sprache gibt es fünf Tonhöhen, in einigen Dialekten werden jedoch sechs oder sieben Tonhöhen voneinander unterschieden. Es muss in diesem Zusammenhang allerdings angemerkt werden, dass von vielen nicht-thailändischen Autoren die Rolle der Homonyme in der Thai-Sprache übermässig als Unterscheidung von westlichen Sprachen hervorgehoben wird, besonders in Reiseführern. Es entsteht dabei oft der Eindruck, Homonyme seien eine Einzigartigkeit der Thai- und anderer tonaler Sprachen, für die es in den westlichen Sprachen keine Entsprechung gäbe. Das ist natürlich Unsinn. Denn in allen europäischen Sprachen, auch im Deutschen, gibt es Homonyme in grosser Zahl. Eine Bank ist etwas, worauf man sitzt, oder ein Institut, auf das man Geld einzahlt oder von dem man Kredit bekommt. Eine Leuchte ist entweder ein Beleuchtungskörper oder eine besonders gescheite Person. Schwindel ist entweder ein leichter Betrug, oder ein vorübergehender Verlust des Gleichgewichtssinnes. Während in den obengenannten Fällen ein und das selbe Wort zwei grundlegend verschiedene Bedeutungen hat, gibt es zahlreiche Fälle, in denen Wörter nur so geringfügig voneinander abweichen, dass regionale Unterschiede der Aussprache. weitaus schwerer ins Gewicht fallen. Jemand, der mit der deutschen Sprache nicht aufgewachsen ist, wird sich wundern dass Mädle, Mädsche, Meidle, Meid, Mädel - gesprochen oder geschrieben - alles regionale Abwandlungen von Mädchen sind, die am Wortsinn nichts ändern - während es einen grossen Unterschied macht, ob man gelehrt oder geleert schreibt. 

Keineswegs ist es also so, dass Homonyme oder ähnlich klingende Wörter etwas sind, was die thailändische Sprache grundsätzlich von europäischen Sprachen unterscheiden würde, auch wenn die Zahl der Homonyme im Thai grösser ist. Sprachen sind lebende Systeme, die sich ständig wandeln, nicht Sammlungen sturer mathematischer Formeln. Und die wichtigste Funktion von Sprachen ist es auch nicht, logisch und korrekt zu sein, sondern verstanden zu werden. In allen Sprachen ergeben sich Bedeutungen stets vielmehr aus dem Zusammenhang als aus der korrekten Aussprache, und da macht die Thai-Sprache keine Ausnahme. Deshalb muss man sich des Umstandes bewusst sein, dass es zwar in der Thai-Sprache verschiedene Ton-Höhen gibt, um unterschiedliche Bedeutungen von Wörtern gleicher Laut-Kombination zu unterscheiden, dass es aber erstens bei der Betonung starke regionale Unterschiede gibt, und dass auch Thais wesentlich aus dem Satzzusammenhang auf die Bedeutung einzelner Wörter schliessen. Ein Ausländer wird deshalb auch dann oft verstanden, wenn er zwar die jeweils richtigen Laut-Kombinationen, aber die falschen Tonhöhen verwendet - vorausgesetzt, es kann aus dem Zusammenhang, in dem ein Wort gesprochen wird auf die gemeinte Bedeutung geschlossen werden. Homonyme sind keine Einzigartigkeit tonaler Sprachen. Allerdings gibt es im Thai Homonyme in fast endloser Zahl. Um dafür nur ein Beispiel zu nennen: Der Laut, bzw. das Wort mai allein kann in verschiedener Betonung und Thai-Schreibweise heissen: nicht, Holz, Meile , verwitwet, Seide, neu, brennen . Welche Bedeutung die zutreffende ist, wird in der Regel aber nicht nur aus der Betonung, sondern auch aus dem Zusammenhang klar. Wird das Wort in einem Satz über eine Frau verwendet, so ist klar, dass der Sprecher nicht meinen kann, sie sei aus Holz oder aus Seide, sondern eben verwitwet.

Des Rätsels Lösung ergibt sich in der Thai-Sprache ebenso aus den Nachbarwörtern, wie sich im Deutschen aus den Nachbarwörtern ergibt, ob das Wort Bank im Einzelfall die Sitzgelegenheit oder das Geldinstitut bezeichnet. Denn auch im Deutschen weist grammatikalisch nichts darauf hin, dass ein Mann, der von sich sagt Morgen bringe ich Geld zur Bank damit nicht meinen sollte, er werde am nächsten Tag einen Geldschein auf eine Parkbank legen. Trotzdem wird niemand die Aussage so verstehen. Das gleiche gilt für Sätze wie Der Stamm der Sioux-Indianer wurde weitgehend aufgerieben (offensichtlich wurde hier nicht ein den Sioux-Indianern gehörender Baumstumpf zu Sägemehl verarbeitet obwohl der Satz auch das heissen könnte). Wie im Thai, so lässt also auch im Deutschen stets der Zusammenhang die wichtigsten Rückschlüsse darauf zu, was gemeint ist. Im Vorwort zu ihrem Buch The Fundamentals of the Thai Language schrieben Stuart Campbell und Chuan Shaweevongs 1956 (Übersetzung aus dem Englischen): "In früheren Büchern über Thai für Ausländer... werden die Betonungen von Anfang an behandelt, doch sind wir davon abgekommen, da es nur Verwirrung stiftet, sich mit den Betonungen zu befassen, bevor Sie sich einen Grundwortschatz angeeignet haben... Wir glauben, dass die Betonungen im Vergleich zum Erlernen eines Grundwortschatzes zweitrangig sind... In nur vergleichsweise wenigen Fällen wird eine falsche Betonung dazu führen, dass man Sie falsch versteht."

Ähnlich äusserte sich der damalige absoluten Monarch Siams, König Rama VI 1912 in einem Brief an die Siam Society zur Frage eines Systems zur Romanisierung der Thai-Sprache: "Ich schlage vor, dass der Tonwert siamesischer Konsonanten überhaupt ignoriert wird... da die Bedeutung stets aus dem Zusammenhang hervorgeht... Aus selbigem Grund denke ich, es wäre am besten, alle siamesischen Akzente einfach wegzulassen." (Zitiert nach dem Vorwort von The Fundamentals of the Thai Language der Autoren Stuart Campbell und Chuan Shaweevongs, 1957) Da Sprachen keine starren Systeme sind und neue Bedeutungen tagtäglich eingeführt werden, kann es keineswegs überraschen, dass es in der Thai-Sprache trotz verschiedenartiger Betonungen lautgleicher Wörter auch Homonyme gibt, die nicht nur lautgleich, sondern gleichzeitig auch betonungsgleich sind. Lautgleichheit und Betonungsgleichheit (wie in den deutschen Wörtern Laib und Leib oder Lerche und Lärche) ist dabei in der gesprochenen Sprache ein grösseres Problem als in der geschriebenen, da eine unterschiedliche Schreibweise ein und desselben Lauts oder einer Lautfolge eine eindeutige begriffliche Zuordnung zulässt. Doch neben laut- und betonungsgleichen Homonymen gibt es im Thai auch Homonyme, die laut- und betonungsgleich sind, darüber hinaus aber gleich geschrieben werden (wie ja auch im Deutschen die oben zitierten Wörter Bank, Leuchte und Schwindel).

Dazu ein Beispiel: das Wort sai hat bei gleicher Schreibweise und Aussprache zwei gänzlich verschiedene Bedeutungen; einerseits heisst es Leine, Schnur, Kabel, andererseits heisst es spät; in anderer Schreibweise gibt es: sai = links, sai = Sand oder Strand, sai = klar, durchsichtig, sai = hinzufügen, sai = ziehen oder schieben, sai = Schwarze Magie, sai = Eingeweide, sai = schütteln; diese Liste der sai-Wörter ist keineswegs vollständig - und die sai-Wörter sind eine Ausnahme besonders zahlreicher Bedeutungen. Um bei der aufgezeigten Vielfalt der Homonyme zwischen den einzelnen Bedeutungen zu unterscheiden, verfügt die Thai-Sprache neben der Kennzeichnung durch unterschiedliche Betonung und unterschiedliche Schreibweise über mindestens drei weitere Methoden zur Differenzierung lautgleicher Wörter (Homonyme). Und es hat sich längst eingebürgert, diese zusätzlichen Methoden zur Klarstellung auch dann anzuwenden, wenn zwischen Wörtern unterschieden werden soll, die zwar lautgleich, nicht aber betonungsgleich sind. Die erste dieser Möglichkeiten ist, dem mehrdeutigen Wort ein Präfix voranzustellen, das klarstellt, was mit einem Wort gemeint ist. Zum Beispiel: das Thai-Wort jahng kann einen Reiher, einen Gummibaum oder eine Substanz wie Latex oder Gummi bezeichnen. Wird dem Wort jahng aber das Wort nog = Vogel als Präfix vorangestellt, so ist klar, dass nog jahng den Vogel der Reiher-Art bezeichnet. Wenn dagegen das Wort ton = Baum, Pflanze dem Wort jahng als Präfix vorangestellt wird, bleibt kein Zweifel daran, dass ton jahng den Gummibaum meint. Das Präfix klassifiziert das ursprünglich mehrdeutige Wort, und selbst eine falsche Betonung kann die sich daraus ergebende Eindeutigkeit nicht mehr umstossen. Auch dies ist übrigens keine Einzigartigkeit der Thai-Sprache. Im Deutschen verwendet man ja auch gerne die ausführlicheren Wörter Blumenstrauss und Vogel-Strauss, um Missverständnissen vorzubeugen, obwohl Strauss allein grammatikalisch jeweils durchaus zureichend wäre. Die zweite in der Thai-Sprache verwendete Möglichkeit, Eindeutigkeit zu schaffen, besteht darin, zwei Wörter ähnlicher, sich ergänzender Bedeutung nebeneinander zu stellen, woraus sich wiederum eine Klarheit ergibt, die auch durch falsche Betonung nicht mehr beeinträchtigt werden kann. Das Wort kah, zum Beispiel, hat eine Reihe von Bedeutungen und Schreibweisen, von denen eine kah = töten ist. Wird nun dem Wort kah das weitere Wort fan = mit einer Waffe aufschlitzen beigestellt, so bleibt kein Zweifel daran bestehen, dass kah im Sinne von töten gemeint ist. Die Kombination hat sich dabei zur unmissverständlichen stehenden Wendung entwickelt, die schlechtweg töten heisst. (Vergleiche in der deutschen Kindersprache totschiessen, wohingegen Erwachsene normalerweise erschiessen vorziehen - als Wort natürlich nur.) 

In manchen Fällen haben beigestellte Wörter in festen Redewendungen sogar ihre eigene Bedeutung verloren. Und bisweilen hat eine feste Redewendung aus zwei nebeneinander gestellten Wörtern eine gänzlich neue Bedeutung angenommen. bahn müang, zum Beispiel, heisst Land oder Nation, und es setzt sich zusammen aus bahn = Haus, Dorf und müang = Stadt. Eine Eigentümlichkeit der Thai-Sprache ist es, dass Wort-Aneinanderreihungen nicht nur im Hinblick auf den Sinn, sondern auch unter Berücksichtigung der Wortmelodie gebildet werden. Bei der Aneinanderreihung von zwei Wörtern wird als zweites meist ein Wort mit einem musikalischen Klang verwendet. Werden vier Wörter aneinandergereiht, wird versucht, die mittleren beiden zu reimen. Die dritte Möglichkeit, mit der klargestellt werden kann, wie ein Homonym zu verstehen ist, besteht darin, das Objekt eines Begriffs mitzubenennen. Ein paar Beispiele: jing pühn = feuern Gewehr heisst schiessen; gin to = essen (am) Tisch heisst dinieren; non süa = schlafen (auf einer) Matte heisst sich zum Schlafen niederlegen. Die gebräuchlichste dieser Konstruktionen ist gin kau = essen Reis, was als Synonym für essen ganz allgemein verwendet wird - auch wenn die Grundlage eines Gerichts gar nicht Reis, sondern Nudeln sein sollten. Die obengenannten Strukturmerkmale charakterisieren übrigens auch das Pidgin-Englisch, das quasi eine Ver-Chinesisierung des Englischen ist. Tatsächlich werden auch im Chinesischen zahlreiche Wortzusammenstellungen der selben Art gebildet.